Bericht über die Rekonstruktion von 4 Emailscheiben
aus dem Erfurter Schatz (nach Bildvorlagen)
© Goldschmiedemeister Ekkehart Schenk, Saalfeld
Stellen Sie sich vor, es gibt da so eine Kochshow, bei der ein unbekanntes Gericht nachgekocht werden soll, ohne zu wissen, was an Zutaten drin ist und nach welcher Rezeptur es hergestellt wurde.
Mehr oder weniger erging es mir so mit der Rekonstruktion der vier Emailscheiben – mit dem Vorteil, dass es zu „diesem Rezept“ Literatur und weiterführende Informationen gab.
Als erstes aber das :
Vorwort:
Die hier beschriebene Rekonstruktion der Emaillescheiben, sind ein Bestandteil aus dem Erfurter Schatz und gehören zu dem, zum Teil stark beschädigten Doppelkopf aus dem Schatzfund. Von den Emailscheiben war so gut wie nichts mehr von der ursprünglichen Emaille erhalten und zu erkennen. Untersucht, analysiert, die Bestimmung der Farben und die Geschichte der Platten, wurden durch ein Team aus einem Chemiker, einer Kunsthistorikerin und Restauratoren des Thüringischen Landesamtes für Denkmalspflege und Archäologie(TLDA) analysiert und darauf aufbauend ihre Farbigkeit rekonstruiert. Die Ergebnisse sind publiziert in: S. Ostritz (Hg.), Die mittelalterliche jüdische Kultur in Erfurt, Band 1: Der Schatzfund. Archäologie – Kunstgeschichte–Siedlungsgeschichte. Weimar 2010; S. Ostritz (Hg.), Die mittelalterliche jüdische Kultur in Erfurt, Band 2: Der Schatzfund. Analysen – Herstellungstechniken – Rekonstruktionen. Weimar 2010.
- Darauf basiert der Bericht dieser Arbeit.
Doppelkopf mit Emailscheiben am Boden, aus dem Erfurter Schatz
Beschreibung des Doppelkopfes
(Auszug): Das silberne Doppelgefäß besteht aus zwei nahezu formgleichen und gleichgroßen bauchigen Gefäßen, die so ineinander gesteckt werden können, dass ein Gefäß den Deckel für das andere bildet... Die Unterseite der Gefäßfüße jeweils mit einem Emailmedaillon mit vergoldetem Rand versehen. Auch im Inneren der beiden Gefäße findet sich je ein Emailmedaillon dieser Art. Sie zeigen die fein gravierten Darstellungen zweier Tierfabeln unter farbigem, transluzidem Email. In je zwei Bildern wird außen unter den Standflächen die Fabel (Bild a1 & a2) Von einem Raben und einem Fuchs, sowie im Inneren am Boden(Bild a3 & a4) Ein Fuchs und ein Adler, dargestellt.... [Quelle: Stürzebecher, M. 2010: Die mittelalterliche jüdische Kultur in Erfurt. Bd. 1, S. 216. Weimar.]
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Zustand der Originalscheiben:
Wie aus den nachfolgenden Bildern zu erkennen ist, ist auf den Originalscheiben kaum noch Email in den ursprünglichen Farben vorhanden
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Vorlage der Zeichnungen, nach denen die Rekonstruktion erfolgte :
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Lassen Sie mich daher eingangs auf das Thema Tiefschnittemail, auch Silberreliefschmelz oder auch Tiefstichemail genannt, eingehen.
In der Gotik entwickelte sich aus dem Grubenemail (bei dem vorwiegend opaque Emails Verwendung fanden), das Tiefschnittemail, bei dem die Helligkeitswerte der transparenten Farben durch unterschiedliche Tiefen eines gravierten Flachreliefs erreicht werden konnten.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Geschätzte 200 Jahre nach Herstellung dieser Emailscheiben aus dem Erfurter Schatz erschien ein Buch des berühmten Renaissance-Künstlers und Goldschmiedes Benvenuto Cellini, der von 1500-1571 gelebt hat, mit dem Tltel:
Traktate über die Goldschmiedekunst und die Bildhauerei,
Auf der Grundlage der nur in sehr kleiner Auflage erschienenen Übersetzung aus dem Italienischen von Ruth und Max Fröhlich, unterzog der Goldschmiedemeister und ehemalige Professor für Schmuckgestaltung an der Fachhochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Wismar, Erhard Brepohl, die Traktate einer behutsamen Überarbeitung, die 2005 als Werkstattbuch erschien.
Es ist also eine Abhandlung oder Beschreibung von detaillierten Herstellungstechniken, unter anderem genau zu diesem Thema. Dazu gibt Cellini eine recht anschauliche Darstellung der Metallvorbereitung für diese Technik.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Zwei der Originale hatte ich für kurze Zeit in meiner Werkstatt, zum Ausmessen der Materialstärken und Bestimmen des Umfangs und der unterschiedlichen Wölbungen der Platten.
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Richtig erklären konnte ich mir nicht, warum die Platten in zwei verschiedenen Wölbungen gefertigt wurden, denn je stärker die Wölbung umso schwieriger ist es das Email aufzutragen, so dass es nicht seitlich abfließt. Ob es für die Gestaltung im Becher notwendig war, ist nicht erkennbar.
Die weiteren Arbeiten an den Emailscheiben, wurden nur auf Grundlage der vorhandenen Bildmaterialien realisiert.
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An den Originalplatten war nicht zu erkennen, ob die Reliefgravuren auf der Oberseite erst im gewölbten Zustand der Platten eingraviert wurden. Für die Vorgehensweise der Herstellungstechniken entschied ich michv nach für -mich logischen- Abläufen. So ging ich davon aus, die Gravuren im flachen Zustand der Platten vorzunehmen und sie hinterher zu wölben.
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Die Gravurarbeiten sind in mehreren Höhenebenen ausgeführt: Um die Oberfläche gestalten zu können, muss also erst eine ganze Menge Material abgetragen werden. Um das zu vereinfachen entschied ich mich, die groben Metallabtragungen mit einer CNC-Fräsmaschine vorzuarbeiten und dann die Feinheiten der Gravuren per Handstichel vorzunehmen.
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(weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Es entstanden im Laufe der Herstellung 6 Gruppen an unterschiedlichen Arbeitstechniken die ich in dieser Reihenfolge aufzählen werde, das Bildmaterial dazu enthält aber zum Teil schon andere Arbeiten, die erst in den nächsten Techniken erklärt werden.
1. Herstellung, also legieren von Silber und Kupfer zum Emaillieren
2. Erstellen von Vectorgrafiken am Computer für die cnc Fräse
3. Versäubern der CNC-Frässpuren und modelieren der Konturen per Handarbeit
4. Auftragen des Emails in mehrereren Arbeitsschritten
5. Abschleifen und polieren der Emailoberfläche
6. vergolden der Metallteile
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Im Einzelnen ging es dabei um folgende Arbeitstechniken:
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Herstellung, also Legieren von Silber und Kupfer zum Emaillieren .....( vorgegeben durch die Materialanalysen des TLDA).
Diese Legierung wird in der heutigen Zeit nur noch selten verarbeitet und nur zum Emaillieren angewendet .
Allerdings gibt es in der heutigen Zeit auch sehr viele Arbeiten der letzten Jahrzehnte, die in 835-Silber ausgeführt wurden, hier ist das Schmelzintervall des Metalls viel niedriger. Aber es ist nicht mehr so schön weiß und läuft viel stärker an. Die Gefahr das das Metall anfängt in dem Temperaturbereich zu "schmoren" ist recht hoch - und ich wollte und sollte mich an die historische Vorgabe halten.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Auswalzen und vorbereiten der Bleche,
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Später dann, das Aussägen der Platten.
Die seitlichen Metallstreifen war für das bessere "anfassen" der Platten während des emaillierens vorgesehen
( das ist historisch nicht belegt, es war meine eigene Interpretation).
In einer Kittkugel als nachgebendes Gegenlager werden die Platten mit eigens dafür hergestelltem Formwerkzeug gewölbt und um die Gravur, die auf der zu wölbenden Außenseite liegt, nicht zu beschädigen.
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Die Außenränder werden mit einem Hornhammer vorsichtig nachgeformt.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
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Die Bilder wurden in ein Computerprogramm eingelesen und aus dem Bildmaterial mit Hilfe eines 3D-Modellierprogramms Vectordateien für Fräsdateien entwickelt, zum Abtragen der überschüssigen Metallschichten,
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so dass nur der Rand und die partiell höher stehenden Teile herausschauten. Die vorgezeichneten Linien wurden mit einer CNC-Maschine gefräst.
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(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Per Handarbeit wurden nun mit verschiedenen Steinfräsern die Frässpuren entfernt und geglättet und die Konturen der jeweiligen Bilder modelliert. Die vorgegebenen Motive per Hand nach den vorgezeichneten Linien graviert.
So erzielte ich eine größtmögliche Übereinstimmung mit dem Original.
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Auf dem rechten Bild oben ist die Gravur durch die Lichtreflexe, so gut wie nicht zu erkennen gewesen in der Kamera.
Erst als ich eine Platte geschwärzt und mattiert hatte (um einen "ordentlichen " Kontrast zu erhalten), wurden die Gravuren sichtbar. |
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Auffällig war die unterschiedliche Ausführung der Qualität der Gravuren, bis hin zur fast nur skizzenhaften Ausführung der Platten und des flächenfüllenden Rankenornamentes im Hintergrund.
Hier sind eindeutig mehrere "Gravurstile " zu erkennen:
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(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Als erstes fertigte ich Schmelzproben an, um die Farbgebung und die Schmelztemperatur zu sehen.
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Heute ist es von großem Vorteil, die Emails schon fertig zermahlen und entstaubt geliefert zu bekommen. Das sparte wertvolle Zeit.
Nun wurde das Email in verschiedenen Arbeitsgängen in dünnen Schichten aufgetragen, denn transparente Emails werden dadurch leuchtender. Problematisch war, das die verschiedenen Farben auch unterschiedliche Schmelztemperaturen haben.
Sie werden zwar alle in einem Schmelzintervall angegeben, reagieren aber in der Anwendung völlig unterschiedlich.
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Das Email wird getrocknet und dem Trocknen vorsichtig in den vorgewärmten Ofen geschoben und der Schmelzprozess beobachtet.
Der ganze Schmelzvorgang geht recht fix, ca. 1,0 - 2 min, da kann man gerade noch schnell ein Bild mit der Kamera machen. Und ansonsten ganz genau hinsehen, um den Schmelzverlauf zu beobachten.
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(weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Im Gegensatz zu heutigen bekannten Arbeiten hatte die Platten kein Konteremail. Würden die Emails einzeln, also nur die hoch brennenden Farben aufgetragen werden und die anderen nicht, verzieht sich die Platte.
Nach dem Brand muss das Email zum Abkühlen aus dem Ofen genommen werden. Wie die Bilder zeigen, kann man am heißen Email keinen Farbunterschied mehr in der Schmelze entdecken. Die Farben werden erst wieder nach der Abkühlung der Platte sichtbar.
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Problematisch ist natürlich bei einer gewölbten Platte, je dünnflüssiger das Email - um so mehr fließt es an den Rand. Stellen Sie es sich vor wie zählfüssigen Honig - zu lange im heißen Ofen, oder mehrfach erwärmt, fehlt oben die Höhe und seitlich bildet sich ein kleiner überwölbter Rand, Da Blau als erstes Email dünnflüssig ist - ein "Balanceakt" für die gesamte Arbeit.
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(weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Ist dann alles Email aufgetragen geht es weiter zur nächsten Arbeitstechnik:
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Dem Schleifen der Emailleoberfläche - bis zum "Herantasten" an die höher stehenden Metallflächen der gravierten Motive.
Wer sich mit Email schon mal befasst hat, weiß, wie mühselig es ist, mit einem Kaborundumschleifstein und Wasser die glasharte Emailschicht zu beschleifen - auch hier kommt uns die moderne Technik zu Gute, es gibt mittlerweile flexible Diamantschleifbänder. So wird das Ganze zu einer erträglichen Arbeit.
Oberflächenbearbeitung der Emailscheibe, Rekonstruktion - Goldschmiede Schenk, Erfurter Schatz
Vorsichtig muss vorgegangen werden und immer dabei aufgepasst, nicht zu viel von dem Email abzutragen, schließlich wird Material auch noch beim folgenden Feinschliff und dem Polieren von der Emailoberfläche abgetragen.
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Polieren der Emailscheibe, Rekonstruktion - Goldschmiede Schenk, Erfurter Schatz
(weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Abschließend werden
6. Die herausschauenden Metallschichten galvanisch vergoldet. Um eine dem Original ähnliche Metalloberfläche zu bekommen, bearbeitete ich sie mit einem Polierstahl.
Im Original war die Vergoldung eine Feuervergoldung. Auf Grund deren Giftigkeit bei der Anwendung sollte nur eine "normale" Vergoldung verwendet werden.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Alles in Allem war das eine "ordentliche" Herausforderung (und zwar, wie man sich vorstellen kann, ein wenig mehr als bei einem Kochrezept). In jedem Arbeitsschritt lauern viele Gefahren, die die Arbeiten unbrauchbar machen. Da kann man wieder fast von vorn anfangen.
Und es gibt viel, womit man nicht unbedingt rechnet....
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Kommen wir zu den einzelnen Emailobjekten:
Der Rabe hatte es in sich - es sah eigentlich so aus, dass er nur aus schwarzem opaken Email bestand, das mit etwas Dunkelblau abgemischt war. Doch nach dem ersten Brand war an der Stelle des Rabens - ein schwarzer Klecks! Ohne Konturen, fleckig und nicht gerade schön …
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Da er aber genau wie die anderen Motive fein graviert war, muss das schwarze opake Email nur sehr dünn aufgetragen gewesen sein.
(weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Schwierig war die Farbauswahl für den Fuchs. Ich wollte unbedingt eine leicht rötlichbraune Farbe.
Der gewählte Farbton wurde nach dem "Reinfall" mit neuen bleifreien Email, ein transparentes Rosa, das im Kontakt mit dem Silber zum hellen Rotbraun wurde.
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Die Blätter des Baumes waren nicht nur ein einfaches Grün, wie im letzten Rest des Originals zu sehen:
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Die richtige Zusammensetzung ist zwar nicht mehr vollständig erkennbar, bestand aber aus verschieden Farbtönen ...
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
Hier noch mal die Gegenüberstellung der Platten: Original / neu
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Damit wäre ich am Ende der Erklärungen zur Herstellung der Emailleplatten, und bedanke die freundliche Unterstützung aller beteiligter Kollegen des Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) und die Bereitstellung der sehr gut gemachten Fotos der fertigen Emailscheiben von Herrn Arnold.
Vielleicht noch eine Bemerkung, die anknüpft an das, was ich eingangs erwähnte: Was zunächst wie „kitchen impossible“ schien ist, sicherlich - anders gefertigt als im 14.jhd, am Ende gelungen.
Dank detailliertem Wissen aus mehreren Jahrhunderten, wurde es im Hier und Heute „gemeistert“ und zum neuen Leben erweckt.
(...weitere umfangereiche Informationen der Arbeit, im ausführlichen Arbeitsbericht als PDF)
© Goldschmiede Ekkehart Schenk